„Emanzipatorisches Interesse“ und „Haltung“: Scheuklappen?
Bei Pferden werden Scheuklappen eingesetzt, um sie von seitlichen Reizen fernzuhalten. Sie sollen sich auf die richtige Richtung fokussieren. „Scheuklappen“ im übertragenen Sinne bedeuten eine eingeschränkte Sichtweise oder eine begrenzt-selektive Wahrnehmung. Man nimmt nur wahr, was man sehen will, der Horizont verengt sich.
„Emanzipatorisches Interesse“
… ist ein marxistisches Theorem[1]: Es existiert keine „objektive“ Wahrheit, alles Denken ist vorstrukturiert, interessegeleitet. Neues Denken soll sich dem emanzipatorischen Interesse unterwerfen, Forschung, Denken soll(te) der Befreiung des Individuums dienen (vor allem wohl vom Kapitalismus).
Haltung
Von dem Augstein’schen Postulat, „sagen, was ist“ bis zum heutigen Haltungsjournalismus ist es ein weiter Weg. Haltung ist die persönliche Umsetzung der „richtigen“ Einstellung für die emanzipatorischen Interessen der Gesellschaft, eine Haltungsbrille, die einerseits die Realität vorstrukturiert und andererseits die Überzeugungen und darauf fußenden Aktivitäten lenkt.
Wahrheit
Eine gänzlich objektive Wahrheit gibt es wohl tatsächlich nicht. Aber das unvoreingenommene Bemühen um und Streben nach ihr – das ist unverzichtbar, weil sonst die Wahrheit ganz auf der Strecke bleiben kann.
Die Haltungs- und die Interessenbrille – mögen sie auch noch so edel daherkommen – verwandeln sich nicht selten in Licht-undurchlässige Scheuklappen.
[1] Von Jürgen Habermas in Erkenntnis und Interesse, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Insel-Verlag 2022 präzisiert.
Theorem i.S.v. einem Bestandteil einer wissenschaftlichen Aussage
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