Nationalstaat und Wehrpflicht[1]

Der Nationalstaat ist out?

Das Renommée des Nationalstaates hat nicht erst im Zeichen zunehmender Globalisierung gelitten. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele der Überzeugung, die Existenz von Nationalstaaten sei die Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen. So sollte das Projekt Europa die alten Rivalitäten auf dem europäischen Kontinent beenden. Ein simpler Gedanke hinter positiver Bewertung von großen Staatsgebilden bis hin zur Globalisierung: Befinden sich alle Menschen irgendwann in einem einzigen gemeinsamen Staat, bricht der Weltfrieden aus, es herrscht Zielharmonie, alle haben sich lieb!

One World

One world hat für viele Menschen und unterschiedliche Interessengruppen große Strahlkraft.  Man denke an den One-World-Tower[2] auf dem Gelände des zerstörten World Trade Centers, der bis 2009 Freedom Tower heißen sollte[3]. Schon einige Jahrzehnte gibt es Bewegungen hin zur Überwindung der Nationalstaaten, hin zu supranationalen Staatsgebilden (Europa) und supranationalen Institutionen (z.B. Internationaler Strafgerichtshof, Europäischer Gerichtshof, World Trade Organisation, World Health Organisation).

Patriotismus und Nationalismus

Während Helmut Schmidt noch zwischen sinnvollem Nationalgefühl und übersteigertem Nationalismus[4] zu unterscheiden wusste, fiel beides in vergangenen Jahrzehnten nicht selten in einen gemeinsamen Negativ-Topf. Nationalgefühl rückte in die Nähe von Rassismus, Hegemonialstreben, rückwärtsgewandter Verbohrtheit; stattdessen blühte das Ideal des künftigen Weltbürgertums.

Wenden und Wechsel

Nun haben wir in den letzten Jahren so manche (Politik)Wende erlebt. Rasant wechselnde Feindes- und Freundes-Bilder, von Verteidigungsbereitschaft zu Kriegstüchtigkeit, von Demokratie zu „unserer Demokratie“ und so weiter. Die aktuelle Wende vollzieht sich bei der Frage der Wehrpflicht.

Junge Leute, denen der Begriff Heimat abgewöhnt worden ist, sollen nun wieder die Heimat oder gar das Vaterland mit Ihrem Leben verteidigen? Es gab einen späteren Vizekanzler, der konnte mit Deutschland noch nie etwas anfangen.

„Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht.“, schreibt er in seinem früheren Buch „Patriotismus. Ein linkes Plädoyer“[5]  

Vaterland – was nun?

Vaterland ist Schnee von gestern? Für die jungen Leute passt vieles so nicht zusammen. Und deshalb gehen nicht wenige auf die Straße …

Diese Wende wird wohl schwer zu vermitteln sein.

 



[2] auch One World Trade Center

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/One_World_Trade_Center

[4] den er Chauvinismus nennt; siehe Schmidt, H., Die Selbstbehauptung Europas, Aktualisierte Taschenbuch-ausgabe, 1. Auflage, Ullstein 2002, S. 114ff.

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